Warum gibt es mehrere Standards?
So wie es im Islam mehrere Rechtsschulen (Madhab) gibt, die in Grundlagen einig, in Details aber verschieden sind, haben sich auch bei Scharia-Screening verschiedene Methodologien entwickelt. Jede wurde von anderen Institutionen, für andere Märkte, mit leicht unterschiedlichen Schwellenwerten entwickelt.
Das ist kein Fehler – es spiegelt die gesunde Vielfalt islamischer Gelehrtenmeinung wider. In der Praxis bedeutet es: Dieselbe Aktie kann nach einer Methodologie halal und nach einer anderen haram sein.
▶ Wie MSCI-Standard in der Praxis funktioniert – iShares MSCI World Islamic ETF
Die 5 wichtigsten Methodologien
1. AAOIFI (Bahrain)
Die AAOIFI mit Sitz in Bahrain ist der weltweit am meisten anerkannte Standard-Setzer für islamische Finanzen. In Deutschland und DACH empfehlen wir, primär nach AAOIFI zu prüfen.
- Haram-Umsatz: unter 5% des Gesamtumsatzes
- Zinsschulden / Marktkapitalisierung: unter 30%
- Zinstragende Investitionen / Marktkapitalisierung: unter 30%
2. DJIM (Dow Jones Islamic Market)
Seit 1999 aktiv, nutzt den 24-Monats-Durchschnitt der Marktkapitalisierung.
- Gesamtschulden / 24-Monats-Durchschnitt Marktkapitalisierung: unter 33%
- Zinseinkommen wird aus dem Unrein-Anteil herausgerechnet (permissiver)
3. FTSE Shariah (London)
Weit verbreitet in Großbritannien, Europa und Malaysia. Nutzt Bilanzsumme statt Marktkapitalisierung als Nenner.
- Gesamtschulden / Bilanzsumme: unter 33%
- Liquide Mittel / Bilanzsumme: unter 33%
4. MSCI Islamic
Wird von globalen institutionellen Investoren und Staatsfonds genutzt. Ebenfalls bilanzsummenbasiert.
- Schulden / Bilanzsumme: unter 33,33%
- Forderungen / Bilanzsumme: unter 33,33%
5. S&P Shariah
Nutzt 36-Monats-Durchschnitt der Marktkapitalisierung. Permissiver bei Liquiditäts- und Forderungs-Schwellenwerten (49% statt 33%).
Vollständige Vergleichstabelle
| Kriterium | AAOIFI | DJIM | FTSE | MSCI | S&P |
|---|---|---|---|---|---|
| Haram-Umsatz | < 5% | < 5% | < 5% | < 5% | < 5% |
| Schulden-Schwellenwert | < 30% | < 33% | < 33% | < 33,33% | < 33% |
| Cash/Zinsen-Schwellenwert | < 30% | < 33% | < 33% | < 33,33% | < 49% |
| Nenner | Marktkapitalisierung | 24M-Durchschnitt | Bilanzsumme | Bilanzsumme | 36M-Durchschnitt |
| Region | Golf/MENA/Global | Global | UK/Europa/Asien | Global | Global |
Praxisbeispiel: Apple (AAPL)
| Standard | Ergebnis | Grund |
|---|---|---|
| AAOIFI | NICHT HALAL | Schulden/Bilanzsumme = 31,5% – überschreitet 30%-Schwelle |
| DJIM | HALAL | Schulden/Marktkapitalisierung = 3,2% – weit unter 33% |
| FTSE | HALAL | Bilanzsummen-Kennzahl unter 50%-Limit |
| MSCI | HALAL | 31,5% ist unter 33,33%-Schwelle |
| S&P | HALAL | Marktkapitalisierungs-Kennzahlen deutlich unter 33% |
Wer dem AAOIFI-Standard folgt (empfohlen im DACH-Raum), sollte Apple meiden. Wer DJIM oder MSCI folgt, kann Apple als halal betrachten. Es gibt kein "richtiges" Urteil – nur verschiedene gelehrte Interpretationen.
▶ Unsere vollständige Apple-Aktienanalyse mit AAOIFI-Check auf YouTube
Welchen Standard solltest du verwenden?
- DACH-Region: AAOIFI – global am weitesten anerkannt
- Strengster Standard: AAOIFI (niedrigste Schwellen)
- ETF-Investoren: Prüfe welchen Standard der ETF nutzt (z.B. MSCI für iShares Islamic ETFs)
- Breite globale Abdeckung: DJIM oder MSCI
- Alle 5 Methodologien einig: Haram-Umsatz unter 5%, Schulden im Rahmen
- Hauptunterschiede: Schwellenwerte (30% vs. 33% vs. 49%) und Nenner
- Marktkapitalisierungs-basierte Methoden schwanken mit dem Aktienkurs
- AAOIFI ist strenger und im DACH-Raum am weitesten verbreitet
- Die richtige Wahl hängt von deiner Region und Präferenz ab